Du bist nicht kaputt

Du bist nicht kaputt
Photo by Allef Vinicius / Unsplash

Noch ein Kurs.

Noch ein Therapeut.

Noch ein Trauma zu heilen.

Noch ein Glaubenssatz zu ändern.

Noch ein Schatten zu integrieren.

Noch nicht bereit.

Noch nicht gut genug.

Noch nicht geheilt genug.

Wie lange noch?

Ich sage dir heute etwas, das die gesamte Selbsthilfe- und Heilungsindustrie nicht hören will:

Du bist nicht kaputt.


Die Falle

Du bist aufgewacht. Irgendwann hast du erkannt, dass etwas nicht stimmt. Dass du programmiert wurdest. Dass du Muster hast, die dich limitieren. Dass es Wunden gibt, die geheilt werden wollen.

Das war ein wichtiger Moment. Ein mutiger Moment. Der Beginn einer Reise.

Also hast du angefangen zu arbeiten. An dir. An deinen Themen. An deiner Heilung.

Du hast Bücher gelesen über Trauma, über das innere Kind, über Schattenarbeit. Du hast Kurse gemacht. Therapien. Coachings. Retreats. Workshops.

Du hast gegraben. Tief gegraben. Du hast Dinge gefunden, die wehgetan haben. Du hast geweint. Du hast losgelassen. Du hast integriert.

Und dann hast du weiter gegraben.

Und weiter.

Und weiter.

Irgendwann wurde das Graben zur Gewohnheit. Das Heilen wurde zur Identität. Das Arbeiten an dir wurde zum Lebensinhalt.

Und ohne es zu merken, bist du in eine Falle getappt.

Die Falle des ewigen Reparaturmodus.


Der ewige Reparaturmodus

Du erkennst ihn an diesen Gedanken:

"Wenn ich nur dieses eine Trauma noch heile, dann..."

"Ich bin noch nicht bereit, weil ich noch diesen Glaubenssatz habe..."

"Ich muss erst noch mehr an mir arbeiten, bevor ich..."

"Mit mir stimmt etwas nicht, das ich noch nicht gefunden habe..."

"Andere sind weiter als ich. Ich hinke hinterher..."

Du erkennst ihn an diesem Gefühl:

Nie fertig. Nie genug. Nie bereit.

Immer noch etwas zu tun. Immer noch etwas zu heilen. Immer noch etwas zu verbessern.

Ein endloser Prozess ohne Ziel. Ein Hamsterrad der Selbstoptimierung.

Du rennst und rennst und rennst – aber du kommst nirgendwo an.

Weil das Ziel sich immer weiter verschiebt.

Weil es immer noch etwas gibt.

Weil du nie gut genug bist.


Die Lüge dahinter

Hier ist die Lüge, die diesen Modus am Laufen hält:

"Ich bin kaputt und muss repariert werden."

Diese Lüge sagt: Du bist nicht ganz. Du bist beschädigt. Du bist fehlerhaft. Etwas stimmt nicht mit dir.

Und solange du das glaubst, wirst du weiter reparieren.

Du wirst immer neue Fehler finden. Immer neue Beschädigungen entdecken. Immer neue Dinge, die nicht stimmen.

Nicht weil sie wirklich da sind. Sondern weil du danach suchst.

Wer sucht, der findet.

Und wenn du nach Kaputtem suchst, wirst du Kaputtes finden. Immer. Endlos.


Wer davon profitiert

Ich sage dir etwas Unbequemes:

Es gibt eine ganze Industrie, die davon lebt, dass du dich kaputt fühlst.

Die Selbsthilfe-Industrie. Die Coaching-Industrie. Die Therapie-Industrie. Die Wellness-Industrie.

Milliarden von Dollar. Euro. Franken.

Ich sage nicht, dass alle in diesen Industrien schlechte Absichten haben. Viele wollen wirklich helfen. Viele tun wirklich Gutes.

Aber das Geschäftsmodell basiert auf einem einfachen Prinzip:

Solange du glaubst, dass du Hilfe brauchst, kaufst du Hilfe.

Solange du glaubst, dass du noch nicht geheilt bist, kaufst du Heilung.

Solange du glaubst, dass du noch nicht gut genug bist, kaufst du Verbesserung.

Ein geheilter Mensch, der weiß, dass er ganz ist, kauft keinen nächsten Kurs.

Ein Mensch, der sich kaputt fühlt, kauft den nächsten Kurs. Und den danach. Und den danach.

Das ist kein Verschwörungstheorie. Das ist Ökonomie.

Und du bist mittendrin.


Die Wahrheit

Hier ist die Wahrheit, die alles verändert:

Du bist nicht kaputt. Du warst nie kaputt.

Du hast Erfahrungen gemacht, die wehgetan haben. Ja.

Du hast Prägungen übernommen, die dich limitieren. Ja.

Du hast Muster entwickelt, die nicht mehr dienen. Ja.

Aber das macht dich nicht kaputt.

Das macht dich menschlich.

Jeder Mensch auf diesem Planeten hat Wunden. Jeder hat Prägungen. Jeder hat Muster.

Das ist nicht Kaputtsein. Das ist Leben.

Und hier ist der entscheidende Unterschied:

Du bist nicht deine Wunden. Du bist das Bewusstsein, das die Wunden beobachtet.

Du bist nicht deine Muster. Du bist das, was die Muster erkennen kann.

Du bist nicht deine Prägungen. Du bist das, was größer ist als alle Prägungen.

Dein wahres Selbst – dein Kern, deine Essenz, wer du wirklich bist – war nie beschädigt.

Es wurde nur überdeckt. Vergessen. Nicht gesehen.

Aber es war immer da. Ganz. Vollständig. Unversehrt.


Aufräumen vs. Steckenbleiben

Versteh mich nicht falsch.

Ich sage nicht, dass du keine innere Arbeit machen sollst. Ich sage nicht, dass Heilung unwichtig ist. Ich sage nicht, dass du deine Themen ignorieren sollst.

Die Arbeit ist wichtig. Das Aufräumen ist notwendig.

Wir alle sind in einer Welt aufgewachsen, die uns konditioniert hat. Wir alle tragen Prägungen, die nicht unsere eigenen sind. Wir alle haben Wunden, die Aufmerksamkeit verdienen.

Diese Dinge anzuschauen, zu verstehen, zu integrieren – das ist ein wesentlicher Teil des Weges.

Aber es ist nicht das Ziel.

Es ist die Brücke. Nicht das Ziel.

Der Unterschied zwischen Aufräumen und Steckenbleiben ist dieser:

Aufräumen bedeutet: Du erkennst etwas, du verstehst es, du integrierst es, du gehst weiter.

Steckenbleiben bedeutet: Du erkennst etwas, du identifizierst dich damit, du gräbst weiter, du findest mehr, du gräbst weiter, endlos.

Aufräumen hat ein Ende. Oder zumindest Pausen. Momente, in denen du sagst: "Das ist genug für jetzt. Ich lebe jetzt."

Steckenbleiben hat kein Ende. Es ist ein Dauerzustand. Eine Identität. "Ich bin jemand, der an sich arbeitet."


Die drei Phasen

Lass mich dir einen Rahmen geben.

Jede echte Transformation hat drei Phasen:

Phase 1: Aufwachen

Du erkennst, dass etwas nicht stimmt. Du siehst die Programmierung. Du verstehst, dass du nicht das bist, was du dachtest. Du wachst auf aus der Trance.

Phase 2: Aufräumen

Du schaust dir an, was da ist. Die Prägungen. Die Muster. Die Wunden. Du verstehst, woher sie kommen. Du integrierst, was integriert werden will. Du lässt los, was losgelassen werden will.

Phase 3: Aufsteigen

Du lebst aus deinem wahren Selbst. Nicht aus den Wunden. Nicht aus den Mustern. Aus dem, was du wirklich bist. Du verkörperst dein Potenzial. Du lebst dein Leben.

Die meisten Menschen, die aufgewacht sind, bleiben in Phase 2 stecken.

Sie räumen auf. Und auf. Und auf.

Sie kommen nie zu Phase 3.

Sie warten darauf, dass das Aufräumen fertig ist, bevor sie leben.

Aber das Aufräumen ist nie fertig. Es gibt immer noch etwas.

Also leben sie nie.


Die Erlaubnis

Hier ist, was du vielleicht brauchst:

Die Erlaubnis, aufzuhören.

Die Erlaubnis zu sagen: "Es ist genug. Ich bin genug. Ich bin bereit."

Nicht weil du perfekt bist. Nicht weil alle Wunden geheilt sind. Nicht weil du keine Themen mehr hast.

Sondern weil du entscheidest, dass es genug ist.

Weil du entscheidest, dass du nicht mehr warten willst.

Weil du entscheidest, dass du jetzt lebst – nicht irgendwann, wenn du "fertig" bist.

Du brauchst keine Erlaubnis von einem Therapeuten. Keinem Coach. Keinem Guru.

Du brauchst nur deine eigene Erlaubnis.

Und ich gebe sie dir hiermit, falls du sie brauchst:

Du darfst aufhören, dich kaputt zu fühlen.

Du darfst aufhören, endlos zu graben.

Du darfst aufhören, auf "geheilt" zu warten.

Du darfst jetzt leben.


Erinnerung statt Reparatur

Hier ist ein Reframe, der alles verändert:

Was wäre, wenn es nicht um Reparatur geht, sondern um Erinnerung?

Was wäre, wenn du nicht kaputt bist und repariert werden musst – sondern ganz bist und dich nur erinnern musst?

Was wäre, wenn die "Arbeit" nicht darin besteht, dich zu fixen – sondern darin, das wegzuräumen, was dein wahres Selbst verdeckt?

Das ist ein völlig anderer Ansatz.

Reparatur sagt: Du bist kaputt. Du musst gefixt werden. Der Fokus liegt auf dem, was falsch ist.

Erinnerung sagt: Du bist ganz. Du hast es nur vergessen. Der Fokus liegt auf dem, was wahr ist.

Reparatur ist endlos. Es gibt immer etwas zu fixen.

Erinnerung hat ein Ziel. Du erinnerst dich – und dann lebst du aus dieser Erinnerung.

Reparatur hält dich im Mangel. "Ich bin noch nicht genug."

Erinnerung bringt dich in die Fülle. "Ich bin bereits ganz."


Wie du weißt, dass du steckengeblieben bist

Hier sind einige Zeichen:

Du definierst dich über deine Heilungsreise.

"Ich bin jemand, der an sich arbeitet." Das ist deine Identität geworden. Ohne die Arbeit weißt du nicht, wer du bist.

Du fühlst dich schuldig, wenn du nicht "arbeitest".

Ein Tag ohne Journaling, Meditation, Therapie, Selbstreflexion fühlt sich falsch an. Als würdest du etwas versäumen. Als würdest du rückfällig werden.

Du findest immer neue Themen.

Kaum ist eines "geheilt", taucht das nächste auf. Es hört nie auf. Es gibt immer mehr zu tun.

Du wartest auf den Moment, in dem du "bereit" bist.

Bereit für die Beziehung. Bereit für das Business. Bereit für das Leben. Aber der Moment kommt nie.

Du vergleichst dich mit anderen auf dem "Weg".

Wer ist weiter? Wer hat mehr geheilt? Wer ist spiritueller? Ein endloser Vergleich ohne Ziel.

Du konsumierst mehr als du lebst.

Noch ein Buch. Noch ein Podcast. Noch ein Workshop. Aber wann lebst du das, was du lernst?


Der Ausweg

Wie kommst du raus aus dem Reparaturmodus?

Schritt 1: Erkenne, dass du drin bist.

Das ist der schwierigste Schritt. Denn der Reparaturmodus fühlt sich produktiv an. Er fühlt sich verantwortungsvoll an. Er fühlt sich spirituell an.

Aber er ist eine Falle.

Erkenne ihn. Sieh ihn. Benenne ihn.

Schritt 2: Hinterfrage die Grundannahme.

Die Grundannahme ist: "Ich bin kaputt."

Ist das wahr? Wirklich wahr?

Oder ist es eine Überzeugung, die du übernommen hast?

Was wäre, wenn du nicht kaputt bist? Was wäre, wenn du ganz bist?

Schritt 3: Entscheide, dass es genug ist.

Nicht weil die Arbeit fertig ist. Sie wird nie fertig sein.

Sondern weil du entscheidest, dass du genug getan hast. Dass du genug weißt. Dass du genug geheilt hast.

Es ist eine Entscheidung. Deine Entscheidung.

Schritt 4: Verschiebe den Fokus.

Von dem, was falsch ist, zu dem, was du willst.

Von der Vergangenheit in die Zukunft.

Von den Wunden zu den Möglichkeiten.

Von dem, wer du warst, zu dem, wer du sein willst.

Das bedeutet nicht, Dinge zu verdrängen. Es bedeutet, ihnen nicht mehr deine gesamte Energie zu geben.

Schritt 5: Lebe jetzt.

Nicht wenn du bereit bist. Jetzt.

Nicht wenn du geheilt bist. Jetzt.

Nicht wenn du gut genug bist. Jetzt.

Fang an zu leben, als wärst du bereits die Person, die du werden willst.

Denn das bist du. Du hast es nur vergessen.


Was dann passiert

Wenn du aus dem Reparaturmodus aussteigst, passiert etwas Interessantes:

Die Themen, die du jahrelang "bearbeitet" hast, lösen sich oft von selbst.

Nicht weil du sie ignorierst. Sondern weil du ihnen keine Energie mehr gibst.

Worauf du dich fokussierst, das wächst. Wenn du dich auf deine Wunden fokussierst, wachsen sie. Wenn du dich auf dein Potenzial fokussierst, wächst das.

Du wirst feststellen, dass du viel weniger "Arbeit" brauchst, als du dachtest.

Du wirst feststellen, dass Leben selbst heilend ist – wenn du es zulässt.

Du wirst feststellen, dass du die ganze Zeit bereit warst.


Die Einladung

Ich lade dich ein, einen radikalen Gedanken zu denken:

Was wäre, wenn du bereits ganz bist?

Nicht irgendwann. Jetzt.

Nicht nach dem nächsten Kurs. Jetzt.

Nicht wenn du alle Traumata geheilt hast. Jetzt.

Was wäre, wenn alles, was du suchst, bereits in dir ist – und du es nur freilegen musst?

Was wäre, wenn die "Arbeit" nicht darin besteht, etwas hinzuzufügen – sondern etwas wegzunehmen?

Was wäre, wenn du nicht kaputt bist – und es nie warst?

Ich weiß, das ist ein großer Gedanke. Vielleicht fühlt er sich unglaubwürdig an. Vielleicht fühlt er sich gefährlich an.

Aber setz dich einen Moment damit hin.

Fühle, wie es sich anfühlt, nicht kaputt zu sein.

Fühle, wie es sich anfühlt, ganz zu sein.

Fühle, wie es sich anfühlt, bereit zu sein.

Jetzt.


Die Wahrheit am Ende

Du bist nicht kaputt.

Du warst nie kaputt.

Du bist ein ganzer, vollständiger, unendlich wertvoller Mensch, der Erfahrungen gemacht hat.

Manche dieser Erfahrungen waren schmerzhaft. Manche haben Spuren hinterlassen. Manche haben Muster erzeugt, die nicht mehr dienen.

Aber nichts davon macht dich kaputt.

Du bist das Bewusstsein, das all das beobachtet. Du bist größer als deine Geschichte. Du bist mehr als deine Wunden.

Und du bist bereit.

Nicht irgendwann.

Jetzt.

Die Frage ist nur:

Glaubst du es?


Du bist nicht kaputt. Du bist ganz. Du hast es nur vergessen. Es ist Zeit, dich zu erinnern – und zu leben.

Matt Zimmermann

Matt Zimmermann

Switzerland